Eignungsreflexion

Spätestens seit der 2004 von Uwe Schaarschmidt und anderen vorgelegten Studie zur Lehrergesundheit[1] kann man an dem Befund, dass der Lehrerberuf ein psychosozial komplexer und höchst anspruchsvoller Beruf ist, nicht mehr vorbeisehen. Ungünstige Arbeitsbedingungen und ungünstige personale Voraussetzungen auf der Seite des Lehrers im motivationalen und psychosozialen Bereich führen für die Betroffenen wie auch für die Schüler und das System zu hohen Belastungen.

Die Frage nach der Eignung für den Beruf bzw. die Frage, wie man die Eignungsvoraussetzungen von Studierenden entwickeln kann, ist daher in Hamburg als studienbegleitende Aufgabe gesetzt worden.[2]

Praxisphasen

Im Verlauf des BA-Studiums wird der Lehramtsstudierende zu verschiedenen Zeitpunkten mit Fragen nach seiner Eignung für den gewählten Lehrerberuf konfrontiert. Es beginnt vor der Immatrikulation mit einer vorgeschalteten Online-Selbstbefragung der Studierenden mit dem so genannten CCT (Career Counselling for Teachers), einem Assessment-Verfahren, das nicht nur die Selbstbefragung ermöglicht, sondern den angehenden Studierenden auch die Chance gibt, sich mit zahlreichen Informationen und Texten zum Lehrerberuf, zur Ausbildung, zu Chancen und Herausforderungen des Berufs auseinanderzusetzen.

In der Praxisorientierten Einführung (PE) im ersten Semester wird den Studierenden ein Block von drei bis vier Sitzungen mit Übungen zum Lehrerhandeln angeboten. Dies dient insbesondere der Erprobung des Lehrerverhaltens in Anforderungssituationen, die über das Unterrichten hinaus täglich im Lehrerberuf vorkommen. Vornehmlich geht es um Rollenspiele mit kommunikativen und interaktiven Herausforderungen (z. B. Gespräche bei Konflikten mit Schülern, Eltern oder Kollegen, das Abfassen eines Elternbriefes u.a.m.). Dabei sind alle Studierenden aktiv einbezogen, entweder als Agierende oder als Beobachter.

Die Beobachtungsergebnisse werden ihnen zurückgemeldet und besprochen. So entstehen erste Einsichten in Stärken und Schwächen im kommunikativen und interaktiven Aufgabenfeld eines zukünftigen Lehrers. Eine dritte Chance, sich mit der Eignungsfrage auseinanderzusetzen, bietet das Integrierte Schulpraktikum (ISP) der Studiengänge LAPS, LAGym und LAS. Im Rahmen des in ein Vor- und Nachbereitungsseminar eingebetteten vierwöchigen Praktikums wird von den Studierenden auf der Basis des von Schaarschmidt/Herlt konzipierten Fragebogens „Fit für den Lehrerberuf“[3] eine Selbsteinschätzung durchgeführt. Dieser Fragebogen beinhaltet 21 anforderungsrelevante Merkmale, die in vier übergeordnete Felder gegliedert sind.

  1. Psychische Stabilität (Merkmale: Fähigkeit zur offensiven Misserfolgsverarbeitung, Frustrationstoleranz, Erholungs- und Entspannungsfähigkeit, Stabilität bei emotionalen Belastungen und Stressresistenz).
  2. Aktivität, Motivation und Motivierungsfähigkeit (Merkmale: Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Verantwortungsbereitschaft, Humor, Wissens- und Informationsbedürfnis, Anstrengungs- und Entbehrungsbereitschaft, Begeisterungsfähigkeit und beruflicher Idealismus).
  3. Soziale Kompetenz (Merkmale: Durchsetzungsvermögen in kommunikativen Situationen, Soziale Sensibilität, Sicherheit im öffentlichen Auftreten und Freundlichkeit/Warmherzigkeit).
  4. Berufsrelevante Grundfähigkeiten und -fertigkeiten (Merkmale: Stimme, Flexibilität, didaktisches Geschick, Ausdrucksfähigkeit und Fähigkeit zum rationellen Arbeiten).

Auf der Basis des gleichen Fragebogens gibt der schulische Mentor dem Praktikanten eine Fremdeinschätzung. In einem gemeinsamen Auswertungsgespräch erfolgt ein Abgleich zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung, es werden mögliche Gründe für abweichende Einschätzungen besprochen und gegebenenfalls gemeinsam Überlegungen zu weiteren Entwicklungsschritten angestellt.Eine naheliegende Schlussfolgerung der Auswertung kann die Teilnahme an einem vom Fachbereich Erziehungswissenschaft angebotenen Lehrertraining sein. Dieses Lehrertraining ist integraler Bestandteil der Eignungsberatung, bleibt aber ein freiwilliges Angebot mit den Themenkomplexen:

  • Analyse der individuellen Beanspruchungssituation
  • Zeit- und Selbstmanagement
  • Kommunikation und soziale Kompetenz
  • Technik der systematischen Problemlösung
  • Persönliche Zielsetzung
  • Entspannung.

Mit diesem mehrschrittigen Verfahren der Eignungsbefragung und -entwicklung ist an der Universität Hamburg zum ersten Mal dieser wichtige Ausbildungsaspekt für zukünftige Lehrer in das Curriculum aufgenommen. Es ist – dies sei betont – kein selektives Verfahren, sondern ein Verfahren, das auf Selbstreflexion, Eigeninitiative und Kompetenzentwicklung setzt.

Stand: Februar 2010
 



[1] Schaarschmidt, U. (Hg.) (2004): Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim.
[2] Lehberger, R.; Schaarschmidt, U. (2009): Eignungsberatung für Lehramtsstudierende – Ein Pilotprojekt an der Universität Hamburg. Journal für Schulentwicklung 4/2009.
[3] Vgl. dazu Schaarschmidt, U.; Kieschke, U. (Hg.) (2007): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Weinheim.