Erprobung eines Self-Assessments mit Fremdeinschätzung für Lehramtsstudierende
an der Universität Hamburg
Ein Pilotprojekt der
ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
in Kooperation mit dem
Zentrum für Lehrerbildung Hamburg
Hintergrund
Die hohen beruflichen Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer sind mittlerweile gut dokumentiert. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung verlangt der Lehrerberuf vielseitige Fähigkeiten, die weit über die Vermittlung von Fachwissen hinausgehen. Soziale und kommunikative Kompetenz sind entscheidend für den Erfolg im Klassenzimmer. Aber auch die Fähigkeit, mit Stress umzugehen oder in Konfliktsituationen gelassen zu bleiben, gehört im Idealfall zum Handwerkszeug eines Lehrers. Aufgrund dieser großen Spannbreite von Anforderungen ist es wichtig, dass zukünftige Lehrer zu einer realistischen Selbsteinschätzung bezüglich ihrer beruflichen Eignung gelangen.
Unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt wurde im Rahmen der Potsdamer Lehrerstudie (2000-2006) die berufliche Belastungssituation von Lehrern untersucht. Das Forschungsteam befragte rund 18.000 Lehrkräfte, Referendare und Lehramtsstudierende. Das Ergebnis zeigt eine Berufsgruppe, die unter hohem Druck steht: 31% der Lehrerinnen und Lehrer neigen zu regelmäßiger Selbstüberforderung; 29% sind resigniert und zeigen ein reduziertes Arbeitsengagement; 23% nehmen eine Schonhaltung ein, um sich vor übermäßigen Anforderungen zu schützen; nur bei 17% geht hohes berufliches Engagement mit ausgeprägter Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen einher.
Auch bei separater Betrachtung der Lehramtsstudierenden fanden die Potsdamer Forscher vergleichbare Risikomuster: Rund 25% haben mit Resignation und Erschöpfung zu kämpfen; fast 15% neigen zu Selbstüberforderung; rund 30% nehmen eine Schonhaltung ein, bei der das Leistungspotenzial nicht voll ausgeschöpft wird.
Angesichts dieser angespannten beruflichen Situation erarbeiteten die Potsdamer Forscher in einer zweiten Phase der Lehrerstudie verschiedene Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Eines dieser Angebote – ein Selbsterkundungsverfahren mit Fremdeinschätzung – richtet sich gezielt an Interessenten am Lehrerberuf bzw. an Lehramtsstudierende. Das Verfahren vermittelt Informationen über die Anforderungen, die der Lehrerberuf an eine Person stellt, und ermöglicht es, die eigenen Voraussetzungen und Erwartungen mit dem Anforderungsprofil abzugleichen. Das Verfahren versteht sich ganz bewusst nicht als Selektionsinstrument, sondern als Orientierungshilfe für die Studienwahl bzw. Studienplanung. Um eine möglichst effektive Orientierung zu gewährleisten, erlaubt das Verfahren, die persönliche Selbsteinschätzung mit einer Fremdeinschätzung zu kombinieren. Der Fragebogen, der dem Verfahren zugrunde liegt, kann online ausgefüllt werden.
Projektergebnisse
In Kooperation mit dem Hamburger Zentrum für Lehrerbildung und mit Unterstützung des Dekanats der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungs-wissenschaft hat die ZEIT-Stiftung, das von Professor Schaarschmidt entwickelte Selbsterkundungsverfahren seit dem Studienjahr 07/08 an der Universität Hamburg erprobt.
Als Ergebnis dieses Projektes ist 2009 an der UHH ein Stufenmodell “Eignung für den Lehrerberuf” festgeschrieben worden. Folgende Bausteine sind enthalten:
- Self-Assessment (online) vor der Immatrikulation
- Rollen- und Beobachtungsübungen zu Gesprächs- und Interventionsanforderungen
in der Praxisorientierten Einführung (PE) im 1. Semester
- Eigen- und Fremdeinschätzung auf der Basis von “Fit für den Lehrerberuf” im Inte-
grierten Schulpraktikum (ISP) im 5. Semester
- Angebote für die Teilnahme am Lehrertraining nach dem 5. Semester

Vertiefende Literatur: Schaarschmidt/Kieschke (Hrsg.): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Weinheim: Belz Verlag 2007.
Ansprechpartner im ZLH für das Projekt:
Prof. Dr. Reiner Lehberger
Stand: Juni 2009





